Ein Kompromiss ist kein Kompromies
Es ist etwas abhanden gekommen in Österreich. Etwas, das dieses Land seit Beginn der Zweiten Republik geprägt hat – die Kompromissbereitschaft. Verkörpert wurde diese durch die Sozialpartnerschaft. Durch die stete Suche nach Gemeinsamkeiten, trotz unterschiedlicher Standpunkte, kamen Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertreter immer wieder zu Lösungen. Streiks und soziale Unruhen konnten damit verhindert werden.
Ein Konfliktlösungsmodell, das es in anderen Ländern nicht gibt – und um das Österreich von außen immer wieder beneidet wurde.
Im Laufe der Zeit wurde der Wille, auch in der Politik aufeinander zuzugehen, von manchen schlechtgeredet. Kompromisse, zu denen Regierungspartner gekommen sind, wurden als etwas Negatives und Ungebührliches abgetan. Mitunter wurden sie mit Packelei verwechselt. Wendehälse wurden jene genannt, die aus Vernunft nachgegeben haben, wo sie bereit waren, Abstriche von ihrer Idealvorstellung zu machen.
Das Internet-Lexikon Wikipedia liefert eine wunderbare Beschreibung:
Ein Kompromiss ist die Lösung eines Konfliktes durch gegenseitige freiwillige Übereinkunft, unter beiderseitigem Verzicht auf Teile der jeweils gestellten Forderungen. Die Verhandlungspartner gehen aufeinander zu. Sie verlassen die eigene Position und bewegen sich auf eine neue, gemeinsame Position. Ziel ist ein gemeinsames Ergebnis, auf das sie sich einigen. Der Kompromiss ist eine vernünftige Art, widersprüchliche Interessen auszugleichen (Dissens-Management). Er lebt von der Achtung der gegnerischen Positionen und gehört zum Wesen der Demokratie. Kompromisse können viele Lebensbereiche der Menschen betreffen.
Gerade Seniorinnen und Senioren wissen wegen ihrer Lebenserfahrung um den Wert von Kompromissen. Sie wissen, wie man zu solchen kommt und wie wichtig sie für ein gedeihliches Miteinander sind. Ob im täglichen Leben, ob in der Politik. Die Kompromissbereitschaft fehlt nämlich nicht nur in der Politik. Auch in der Gesellschaft, im Beruf, unter Freunden und in den Familien scheint er nicht mehr an vorderster Stelle zu stehen. Ohne Kompromisse kann ein Zusammenleben gar nicht funktionieren, da gäbe es nur ein Nebeneinander, und das wollen wir nicht.
